11. August 2007
Noch eine Woche bis zu meinem 18. Geburtstag und der Abfahrt. An der Kuh ist alles in Ordnung, nur die Suzi zickt rum. Heute springt sie nicht mehr an. Die Batterie zeigt 0 Volt. Am Montag werde ich sie (die Batterie) zu einem Händler bringen. Vielleicht ist sie ja noch zu retten.
13. August 2007
Die Batterie wurde aufgeladen und zeigt wieder 12 Volt an! Jetzt bleibt nur noch zu hoffen, dass die Batterie die Reise durchhält. Wir haben zwei Überbrückungskabel dabei und an der Kuh ist eine Steckdose, damit können wir Starthilfe geben, wenn eins der Mopeds nicht anspringen will.
17. August 2007
Juhuu!!!! Endlich 18!!! Heute Morgen habe ich mit Uwe meinen Führerschein abgeholt... Sie mussten ausgerechnet bei mir einen Fehler machen - die falsche Klasse eintragen - sie konnten mir den Führerschein natürlich nicht geben... aber sie haben mir dann zumindest einen vorläufigen deutschen und einen internationalen Führerschein ausgestellt. Das war heute auch das erste Mal, dass Uwe und ich zusammen Motorrad gefahren sind. Morgen geht es los.... ich bin schon ein bisschen aufgeregt, aber kann mir auch noch nicht so richtig vorstellen, dass wir morgen wirklich nach Russland fahren!!!
18. August 2007
0 km
| In einer Stunde geht es los, die Taschen sind endlich gepackt... Die monatelange Vorbereitung hat sich ausgezahlt. Ich meine, Uwe hat sich monatelang Gedanken gemacht. Aber alles was dabei rausgekommen ist, sind zwei neue Reifen für sein Motorrad. Ansonsten war die Vorbereitung ähnlich wie die für einen Sonntagsausflug. Und nicht wie die für eine Tour an die Wolga. Stimmt vielleicht nicht ganz, heute vormittag hat Uwe noch 2 Liter Motoren- und einen Liter Kettenöl gekauft. Und zwei Warnwesten und ein Paar Handschuhe aus dem Baumarkt. Und an zusätzlichem Werkzeug haben wir eine Rolle Paketklebeband mitgenommen. Was soll da noch passieren? Vielleicht deshalb, wegen dieser Planung, ist meine Mutter etwas aufgeregt. Aber warum? Wir fahren doch nur Motorrad, nur etwas weiter und etwas länger. Sagt zumindest Uwe. | ![]() |
Wir fahren um 14.30 in Walheim los. Vor uns liegen die ersten 800km. Es sind für mich die ersten Kilometer in meinem Leben ohne einen Fahrlehrer der hinter mir herfährt .
19. August 2007
840km
Kurz vor 1 Uhr nachts sind wir in Lübeck. Wir übernachten auf Bänken an einem Ausflugslokal über einer Steilküste. Der Regen weckt uns so gegen 8 Uhr. Wir fahren dann weiter bis zum Skandinavien-Kai und sehen dem Einlaufen der Fähre zu. Es ist die MS Envoy, eine von der DFDS Reederei betriebene Fähre. Die Kabinen sind nur teilweise belegt, wir haben aber Pullman-Sitze gebucht und sind sogar die einzigen in diesem Raum. Er liegt direkt neben dem Restaurant. Wir haben 3x am Tag Büffet. Und im Restaurant läuft den ganzen Tag der Fernseher mit irgendwelchen selbstgebrannten DVDs. Die neuesten Filme, aber nur in russisch. Das ist Pech für Uwe :-)
20. August 2007
Um 23 Uhr kommen wir in Riga an. Es ist zu spät um noch ein Hotel zu finden und irgendwie zu früh um an einer Tankstelle den Morgen abzuwarten. Deshalb beschliessen wir, zuerst einmal durch Riga durchzufahren. Das einzige Verkehrsschild, dass wir nach ein paar Kilometern sehen, zeigt uns den Weg in die Innenstadt von Riga. Irgendwie haben sie es hier nicht so mit Schildern. Wir fahren per Kompass duch Riga und irgendwann kommen wir auch auf die Ausfallstraße Richtung Osten. Vor uns geht ein Gewitter runter, aber es kommt nie so nah, dass wir nass werden. Nur die Straßen sind nass, es ist absolut dunkel und wir können die Wälder und die Dörfer an denen wir vorbei fahren nur erahnen. Plötzlich sehen wir mitten im Wald geparkte Lastwagen am Straßenrand. Obwohl wir noch 50km von der Grenze entfernt sind, hört die Schlange der LKWs bis dort nicht mehr auf!
1133km
Wir sind um 6 Uhr an der Grenze und warten nur ein paar Minuten, bis wir durch die erste Schranke durch sind. Es folgen noch 4 oder 5 weitere Schranken. Bis zur letzten klappt auch alles schnell und problemlos. Die letzte Schranke ist der russische Zoll. Hier geht es für uns nicht mehr weiter. Denn beide Fahrzeuge sind auf Uwe Neupert angemeldet. Ein Führerschein lautet aber auf Alex Neupert. Der russische Generalleutnant verlangt deshalb eine notariell beglaubigte Erklärung von Uwe, dass er damit einverstanden ist, dass ich mit dem Motorrad fahren darf! Wir halten es zuerst für einen Witz, denn der Besitzer des Motorrads steht direkt vor dem russischen Feldmarschall, aber der verlangt von uns diese notarielle Beglaubigung. Er schickt uns zurück nach Lettland, in den nächst größeren Ort, in dem es einen Notar gibt. Vielleicht hätten wir das Problem mit ein paar Euro aus der Welt schaffen können, vielleicht hat er es auch erwartet, aber nee... muss ja nicht sein... Immerhin sind wir zum Motorradfahren hier, da ist die Richtung doch eigentlich egal...
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Also 50km zurück nach Ludza in Lettland, einen Notar gesucht und in der Schlange gewartet, bis wir dran kommen. In der Zwischenzeit ging ein Unwetter über dem Ort runter, dabei ist ein Blitz direkt in das Nachbargebäude eingeschlagen. Der Notar konnte uns deshalb wegen Stromausfall keinen offiziellen Stempel auf den Ausdruck geben. Dafür hat er aber auch nichts für die Ausstellung verlangt. Wir sind dann wieder zurück zur Grenze und plötzlich war die notarielle Beglaubigung kein Thema mehr. Die Schicht hatte gewechselt und dem neuen Marschall-Major-oder-was-auch-immer des russischen Zolls war das Papier wurscht.
| | Das ganze Theater hat uns aber über 6 Stunden Zeit gekostet und wir fahren erst um halb eins los in Richtung Moskau. Es sind jetzt noch 670km bis zum Moskauer Ring. Und die Strecke zieht sich. Es ist zwar herrliches Wetter, aber die Straße ist ziemlich ausgefahren und die LKWs sind schwer zu überholen. Die Höchstgeschwindigkeit beträgt 90km/h und da immer wieder Polizei, erkennbar an der Aufschrift ДПС mit Radarpistolen am Straßenrand steht, fahren wir nicht schneller als der restliche Verkehr. Ziemlich oft sehen wir blaue Schilder, die auf Motels oder Zeltplätze hinweisen. Aber auf der ganzen Strecke ist ausser verfallenen Gebäuden kein Motel oder Zeltplatz zu finden. Es gab hier wohl mal bessere Zeiten? |
Unser am Anfang geplanter "nicht-ganz-100"-Schnitt liegt jetzt bei 40km/h Deshalb ist es mitten in der Nacht, als wir auf dem Moskauer Ring ankommen. 5 Spuren in eine Richtung, die absolute Hölle für Motorradfahrer. Selbst die LKWs fahren mit Höchstgeschwindigkeit. Als wir auf die vermeintlich sichere rechte Spur fahren wollen, werden wir von einem Lieferwagen rechts überholt, der wiederum noch von einem LKW über den Standstreifen rechts überholt wird. Hier gilt sozusagen das Recht des Stärkeren. Wir sehen während unserer Fahrt auf dem Ring auch nur ein einziges Motorrad. Ich denke, dass hier nur Lebensmüde Motorrad fahren. Es ist zwar eine Schnellstraße, trotzdem gehen häufig Ausfahrten zu irgendwelchen Läden und Tankstellen. Und zwischendurch wird auf dem Randstreifen Benzin direkt aus dem Tankwagen verkauft. Wir sind über eine Stunde in diesem Chaos unterwegs bis zur Ausfahrt Richtung Osten, in Richtung Wolga. Obwohl es bereits nach Mitternacht ist, fahren wir weiter bis Kolomna wo wir gegen 3 Uhr morgens ankommen. Den letzten Schlaf hatten wir auf der Fähre. Alles zusammen gerechnet und 2 Zeitzonen und einige Pausen abgezogen, sind wir an diesem Tag 26 Stunden auf den Motorrädern gesessen! Und unsere Gesichter schwarz von den Abgasen.
Wir übernachten auf dem Dorf in einer alten Datscha. Es gibt kein fliessendes Wasser, nur einen Eimer mit Wasser in der Küche. Die Toilette ist ein Häuschen draussen im Garten. Uwe beschliesst beim Anblick dieser Toilette seine Verdauung einzustellen. Aber wenigstens haben wir ein Bett zum Schlafen. Nachts gibt es noch Kascha, ein Brei aus geröstetem Buchweizen, relativ geschmacksneutral, danach Tee mit Kompott und zum Frühstück gibt es warmen Kohlsalat mit Fisch. Wir bekommen dann noch ein paar frische Gurken aus dem Garten mit auf die Fahrt. Die Bäuerin sagt uns, dass es ein altes Partisanenmittel ist und gegen den Durst hilft. 
Das Wetter ist toll, die M5 Richtung Osten ist erst sehr gut ausgebaut und auch der Verkehr ist nicht so stark wie auf der M9 zwischen der Grenze und Moskau, deshalb kommen wir die ersten 2 Stunden sehr gut voran. Aber das ändert sich.Wir fahren wieder zu spät weiter! Es ist kurz vor 12 als wir loskommen. In Kolomna fällt mir beim Tanken auf, dass meine Kette vollkommen trocken ist. Und um an den Scott-Öler zu kommen, fehlt mir ein bestimmtes Werkzeug um die Seitenverkleidung zu entfernen. Jetzt geht es mit den Vorwürfen los: "Ich habe dir gesagt..." - "Du hattest Zeit..." - "Diese sch... Japaner" Uwe sucht dann in einem Laden für Autozubehör einen Benzinfilter raus und baut ihn so um, dass ich das Öl in meinen Scott-Öler bekomme. Es funktioniert. 
Denn der Zustand der Strassen ist sehr unterschiedlich, meistens extrem schlecht, so dass wir oft den besten Weg durch die Schlaglöcher suchen müssen, links und rechts von rasenden Geländelimousinen der teuren Art oder klappernden Ladas überholt, oft aber auch von Sattelschleppern, die mit über 100 durch die Schlaglöcher donnern. Hier bedeutet aber auch ein mit Lichthupe entgegenkommender Wagen, die nächsten Kilometer auf die Geschwindigkeit zu achten. Mit Sicherheit sieht man dann bald einen, manchmal sogar getarnten, Wagen der ДПС [D-P-S] mit dazugehöriger Laserpistole. An den Tankstellen werden wir belächelt, dass wir uns mit Motorrädern auf solchen Strassen fortbewegen. Denn es sind auf der ganzen Reise fast keine Motorräder auszumachen - es ist in Russland eben ein Fortbewegungsmittel für arme Leute.
Die Straße wird immer schlechter, je weiter wir Richtung Osten fahren. Es gibt immer mehr Baustellen, bei denen jede Richtung für mehrere Minuten gesperrt wird und die Straße führt durch viele Städte, in denen man nicht überholen kann. Denn sehr oft stehen gelangweilt die Polizisten der ГИБДД [ge -i-be-de-de], der früheren ГАИ [GAI] an der Straße. Sie haben einen schwarz-weiss gestreiften Knüppel in der Hand, mit dem sie die Fahrer heraus winken. Uns passiert es aber nur 1x auf der gesamten Strecke. Der Grund war sicher Bä-Äm-Wäh gucken, denn unsere Papiere wurden nur kurz durchgeblättert.
Es ist jetzt bereits 22 Uhr und stockfinster. An unserem Tagesziel Togliatti kommen wir ganz sicher nicht mehr an. Die Straße hat teilweise so tiefe Kuhlen, dass die Fußrasten schon fast aufsitzen, es gibt hier riesige Schlaglöcher, die man in der Nacht zu spät sieht. Die LKWs kommen uns teilweise auf unserer Fahrspur entgegen und wir müssen von der Straße auf den hoffentlich vorhandenen Randstreifen ausweichen. Und die Autos die uns überholen, fahren uns fast in die Hinterreifen. An der nächsten Tankstelle halten wir an. Bis hier her und nicht weiter. Hier werden wir warten, bis die Sonne aufgeht. Die Tankstelle ist zwar geschlossen, aber aus dem Haus ruft uns eine Stimme zu, dass in 30km die nächste Stadt kommt. Die Frau wollte uns einfach los sein. Wir beschließen dann doch, noch zu dieser Stadt zu fahren. Gleich nach dem Ortseingang von Mokschan erkundigen wir uns auf einem LKW-Parkplatz nach einer Übernachtungsmöglichkeit. 
Es gibt in der Stadt ein kleines Hotel, das Doppelzimmer kostet pro Person 150 Rubel, plus 100 Rubel für den bewachten Parkplatz! Das sind zusammen gerade mal 10 Euro. Im Restaurant zahlen wir für unser Essen, serviert von Miss Russland 2008, noch einmal zusammen 160 Rubel.
2994 km - Ankunft an der Wolga
Am nächsten Morgen fahren wir dann nach dem Frühstück weiter. Es sind immer noch 400km bis an die Wolga, für die wir noch einmal fast 8 Stunden brauchen. In fast jedem der Dörfer durch die wir fahren wird an Straßenständen irgend etwas verkauft. Es gibt Dörfer mit Honig, Dörfer mit Äpfeln, Dörfer mit Wollsocken und Dörfer mit Sonstwas, aber es gibt keine Dörfer, in denen es verschiedene Waren gibt. Man verkauft nur das, was auch der Nachbar verkauft. Irgendwie seltsam.
Auf dem Weg kommen wir durch ein Dorf, in dem in mehreren Fabriken Teer gekocht wird. Es sind über 10 Schornsteine, aus denen es dick herausqualmt. Es stinkt und die Wolken sind weithin sichtbar. Und da leben auch noch Menschen! Wir sind an der Wolga angekommen! Nachdem wir die Motorräder entladen haben, bringen wir sie in die Duma, dem Stadtparlament von Togliatti. Hier werden sie in einer rund um die Uhr bewachten Halle untergestellt. Es geht eben nichts über gute Beziehungen zur örtlichen Verwaltung :-) 
![]() | Die Bezirkshauptstadt ist Samara, die Partnerstadt von Stuttgart. Außer den üblichen Attraktivitäten einer russischen Großstadt, soll es hier den Ausweichbunker Stalins zu besichtigen geben. Doppelt so tief und doppelt so groß wie der Bunker seines damaligen Kontrahenten. Aber das haben wir nur aus dem Internet. Der angebliche Eingang ist in einer kleinen Seitenstraße in der Nähe eines Kriegerdenkmals. Aber wir stehen jetzt wieder, bereits zum 3.Mal, vor einer verschlossenen Tür. Denn die Öffnungszeiten sind seit diesem Jahr nur bis 15.00 Uhr und nur bei vorheriger Anmeldung. Das ist Pech wenn es jetzt 16 Uhr ist, wobei auch keine Telefonnummer für eine vorherige Anmeldung am Türschild steht. Wir kennen auch niemanden, der in Samara wohnt und jemals in diesem Bunker war ! |
Am Wochenende geht es zum Baden und Grillen an die Wolga. Es ist schwer, einen Platz ohne weggeworfenen Müll zu finden. Auch wenn man mit einem Boot etwas von der Stadt wegfährt, liegen die Abfälle überall rum. Eigentlich schade...
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3934 km - Kolomna
Auf dem Weg nach Kolomna kommen wir plötzlich mitten im Wald durch eine Ansammlung von Schaschliki-Ständen. Dutzende, sicher mehr als Hundert, links und rechts von der Straße. Hier scheint es für jeden LKW Fahrer eine eigene Schaschlikbude zu geben. Das Holz für die Schaschlikgrills wird direkt im Wald geschlagen und türmt sich zwischen den Häuschen. Die ganze Szenerie wirkt nicht ganz real. Wie im Film Apocalypse Now, wenn sie tagelang durch den Dschungel laufen und plötzlich treffen sie auf einer Lichtung auf eine MusicShow wie in Las Vegas
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![]() | Ein paar Kilometer weiter stehen direkt an der Straße, eingezäunt über 200 schrottreife Motorräder. Javas, Dnjepr und ein paar Ural. Also, wer Teile braucht, bitte melden. Die Adresse wird gerne weiter gegeben :-) Außer diesem Teilelager oder Schrottplatz, sind es übrigens nur ein paar Motorräder die wir in Russland auf der Fahrt sehen. Das Motorrad gilt hier in Russland als Arme-Leute-Fortbewegungsmittel. Die einzigen Motorräder sehen wir in ländlicher Gegend, immer mit Beiwagen und immer voll beladen mit der Frau/Mutter/Oma auf dem Sozius und landwirtschaftlichen Geräten oder der Ernte im Beiwagen. |
| In der Nacht übernachten wir wieder in einer Datscha. Ohne fliessendes Wasser oder einer Toilette im Haus. Die ganze Nacht sind irgendwelche Tiere im Dach zu hören, die sich dort teilweise lautstark bekämpfen. Uwe hält es für irgendwelche Marder, denn für Mäuse oder Ratten klingen die Geräusche einfach zu laut. Zum Frühstück gibt es frischen Rote Beete Salat. Auf die Geräusche in der Nacht angesprochen, meint die Besitzerin, sie habe diese Tiere noch nie gehört. | ![]() |
4147 km - wieder auf der M9
Wir sind wieder auf der M9, der Verbindungsstraße zwischen Moskau und der Grenze zu Lettland. Es hat wieder angefangen zu regnen. An einem Bahnübergang passiert es dann, mir rutscht auf der nassen Fahrbahn beim Bremsen das Vorderrad weg. Ich liege unter meinem Motorrad und hinter mir stehen 3 LKWs. Zum Glück ist das jetzt passiert und nicht auf freier Strecke. Das Ergebnis dieses Sturzes ist ein zerbrochener Blinker sowie ein verbogener Lenker und Hauptständer. Das meiste läßt sich noch vor Ort gerade richten. Denn wir haben ja unser Paketband dabei! Da hat sich die monatelange Planung doch ausgezahlt! Das die Lederhose und ein Handschuh durchgeschliffen sind und mir mein Kopf und mein Fuß weh tut, scheint Uwe nicht so zu interessieren. Er meint nur, ob ich noch fahren kann oder ob wir einen Krankenwagen rufen sollen. Oder vielleicht besser meine Mutter! Selbst ein vorbei kommender Autofahrer hat mehr Mitleid und hilft mir von der Straße.

Kurz nach meinem Unfall kommt die Sonne raus und Uwe legt ein Tempo vor, dass zeigt, bloß schnell zur Grenze. Bei einer kurzen Rast kommt ein Motorradfahrer vorbei und verwickelt uns in ein Gespräch. Er ist aus der Gegend und meint, das ist seine erste Saison. Er fährt irgendeine Honda mit farblich passender Lederkluft. Irgendwie passt er nicht auf diese Straßen. Er meint auch gleich zu Uwe: "Bi-Äm-Dablju - Best Bike for Russia" Das hört jemand von uns natürlich sehr gern. Es fällt auch auf, dass bei vielen unserer Tankstops die BMW im Mittelpunkt steht. Mein Motorrad wird überhaupt nicht beachtet. Es stört nur beim Blick auf die BMW! Ist die Wasser gekühlt? Sind die Koffer serienmäßig dran? Sind das spezielle Reifen?
Vor allem östlich von Moskau kommen wir uns vor, als ob es noch nie andere Motorradfahrer bis hier her verschlagen hat. Oder zumindest nicht auf einer BMW? Uwe kommt deshalb ins philosophieren, "vor 20 Jahren war es anders, je weiter man weg fuhr, desto mehr BMWs und desto weniger Japaner sah man mit deutschen Kennzeichen auf der Straße, früher war eben alles anders..." Das ich mit meiner Suzi ständig hinter ihm herfahre will ich jetzt gegenüber ihm nicht erwähnen :-)
4734 km - die Grenze
Am späten Nachmittag kommen wir an der Grenze an. Wir fahren wieder an einer kilometerlangen LKW-Schlange vorbei direkt zur Abfertigung. Vor uns ist nur eine Gruppe von 4 Geländewagen mit französischen Kennzeichen. Die ganze Gruppe spricht nur französisch! Selbst kein Wort englisch oder russisch. Uwe ist ganz stolz, denn er kann mit seinem bisschen Schulfranzösisch und seinen 5 Wörtern russisch zur Völkerverständigung beitragen. Die Fahrzeugkontrolle wird von einer jungen russischen Beamtin in bauchfreier Tarnunifom durchgeführt. Sie sieht aus wie ein Model aber sie ist ein Teufel in Engelsgestalt. Die Fahrer müssen jede Kiste in ihrem Geländewagen ausbauen und öffnen. Und das sind viele. Wir haben Glück, die Beamtin, die uns kontrolliert sieht zwar nicht so gut aus, braucht für die Kontrolle unserer Motorräder aber auch nur 1 Minute.
Der Fahrer eines 500er Mercedes mit lettischen Kennezeichen spricht uns an und fragt, wie weit wir denn heute noch fahren wollten. Auf unsere Antwort, dass wir den nächsten Zeltplatz ansteuern wollen, meint er, dass sei doch Blödsinn, gezeltet wird in Lettland doch längst nicht mehr, es gibt doch jetzt so schöne Hotels in den Städten. Nach der Grenze kommen wir durch einige Dörfer und Orte, an denen sich an jeder Bushaltestelle die Dorfjugend versammelt. Hier nach einem Zeltplatz zu fragen, muss irgendwie nicht sein. Die vereinzelten Schilder, die auf Zeltplätze hinweisen, sind sicher auch aus einer anderen Zeit.
| Wir fahren deshalb noch bis Rezekne, der nächst größeren Stadt, 70km nach der Grenze. Mitten im Ort finden wir das Hotel Kolonna, mit einer separaten Garage für unsere Motorräder, das Zimmer und die Betten sind neu, und es hat eine Dusche mit warmen Wasser und frischen Handtüchern. Schöner kann das Leben nicht sein. Wir trinken in der Bar noch ein Bier und fallen dann früh ins Bett. | ![]() |
In der Nacht hat es zu regnen angefangen und hört den ganzen Morgen nicht auf. Wir gehen nach dem Frühstück wieder auf das Zimmer und bleiben so lange wie möglich. Denn es regnet in Strömen - und der Fernseher hat Sat-Anschluß. Wir haben Glück, als wir um 12 Uhr losfahren, hört kurz danach auch der Regen auf. Wir kommen schnell vorwärts, die Straßen sind gut ausgebaut, bis zur Grenze sind es nur 120km.
4954 km - die Grenze zwischen Lettland und Litauen
5283 km - die Lettisch-Polnische Grenze
Gegen 19 Uhr kommen wir an der Grenze an. Obwohl es eine Grenze zwischen zwei europäischen Staaten ist, gibt es hier noch Abfertigungsgebäude und Grenzkontrollen. Irgendwie fahren wir aber in der falschen Spur und sind plötzlich zwischen LKWs, die abgefertigt werden. Um uns kümmert sich hier keiner, sodaß wir ohne anzuhalten die Grenzanlagen wieder verlassen. Die Straßen sind sehr gut ausgebaut, nach 30km kommen wir nach Suwalki und suchen uns ein Hotel. Während ich in einem Hotel nach dem Preis frage, ruft Uwe in einem Hotel an, dass im Falk Reiseführer über Polen steht. Der Preis ist günstig, deshalb beschließen wir zu diesem Hotel zu fahren. Am Telefon bestellen wir auch gleich noch unser Abendessen. Es sind aber noch etwas mehr als 100km bis nach Ogonki. Der Ort liegt am Ende der Masurischen Seenplatte mit sechs verbundenen Seen. Wir kommen kurz vor zehn Uhr in dem Hotel an. Der erste Eindruck ist toll, das Essen ist super und reichlich. Allein die Terrine mit der Suppe die wir als Vorspeise bekommen, hätte uns gereicht, danach kommt aber noch eine große Platte mit überbackenen Schnitzeln.
5433 km - Ogonki
Beim Frühstück entschliessen wir uns, noch einen Tag in dieser Gegend zu bleiben. Hier gibt es Natur Pur.
Kann man anschauen... muss man aber nicht... Irgendwann trifft man dann auch auf die Reste ehemaliger, deutscher Bunkeranlagen. Die "Wolfschanze" kann man auf Grund von Hinweisschildern einfach nicht verfehlen. Ein paar Kilometer weiter gibt es dann noch die Bunkeranlagen des damaligen Oberkommandos der Wehrmacht. Es sind nur alte Betonklötze, innen dreckig und dunkel und schon fast vom Wald überwuchert. Es lohnt sich, diese beiden Sehenswürdigkeiten weiträumig zu umfahren... 






6333 km - Frankfurt an der Oder
Wir fahren gleich nach dem Frühstück los. Bis zur deutsch-polnischen Grenze sind es knapp 800km. Kurz darauf beginnt es zu regnen und hört bis kurz vor Posen, bis wir auf die Autobahn Richtung Grenze fahren auch nicht auf. Es geht über gut ausgebaute Landstraßen, es gibt aber fast keine Ortsumgehungen, sodaß wir nur langsam vorwärts kommen. Für die Durchfahrt von Torin und die Überfahrt über die Weichsel brauchen wir in strömendem Regen fast eine Stunde. Es regnet zeitweise so stark, dass sogar die Autos rechts ran fahren. Wir sind total durchnäßt und es ist kalt. 180km vor der Grenze kommen wir wieder auf die Autobahn und der Regen hört auf. Und Richtung Deutschland sind keine Wolken mehr am Himmel...

Um 22 Uhr kommen wir endlich in Frankfurt an der Oder an. Ab hier sollte uns eigentlich das Navigationssystem bis Dresden führen. Aber nach 3 Wochen im Koffer hat es seinen Geist aufgegeben. Dann eben ohne. Da wir nicht über Berlin fahren wollen, geht es erst direkt nach Süden. Nach rund 90km kommen wir auf eine Autobahn, die direkt nach Dresden führt. Gegen 1 Uhr sind wir am Ziel. Ziemlich unterkühlt aber langsam wieder trocken. Uns wird von unserer Bekannten jedem ein Wasserglas Wodka aufgezwungen. Das soll angeblich gegen die Langzeitschäden des Fahrens bei Regen helfen. Zumindest können wir danach gut schlafen.
6513 km - Dresden
Am nächsten Tag nehmen wir uns erst einmal eine Auszeit. Denn mit der Wodkakur in der Nacht dürften wir vormittags sicher noch nicht fahren. Wir sehen uns Dresden an und fahren nachmittags in das Elbsandsteingebirge. Das ist eine richtige Erholung nach den Tagen vorher. Am nächsten Morgen machen wir uns dann an die letzten 500km. Über Schweinfurt und Würzburg geht es zurück nach Walheim am Neckar. Die Sonne scheint die komplette Strecke und es herrscht wenig Verkehr. Wir kommen nach 4 Stunden an und fahren zuerst einmal beim Reifenhändler vorbei um für mein Moped eine neue Bereifung zu bestellen. Danach geht es noch zum Suzihändler um die beim Sturz kaputt gegangenen Teile zu bestellen. Aber dann nach Hause. Meine Mutter wartet schon vor der Garage. Man sieht ihr die Erleichterung richtig an. Ob ich noch einmal so eine Tour fahre? Sicher nicht mehr nach Russland... Oder zumindest nicht mehr in diesem Jahr ...
7055 km - Walheim am Neckar












